Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie „Smart Factory richtig umsetzen: Vom Datenfundament zur skalierbaren Produktion“. Darin zeigen wir, wie aus einzelnen Use Cases eine durchgängige, skalierbare Produktionsarchitektur entsteht – und wie Unternehmen ihre Smart Factory richtig umsetzen.
Warum die IT/OT‑Integration jetzt geschäftskritisch ist
In vielen Fertigungsunternehmen gibt es eigentlich genügend Daten – aber nicht in einer Form, in der man zuverlässig darauf steuern kann. Die Folgen begegnen uns überall:
- unterschiedliche „Wahrheiten“ über Produktionsstatus und Leistung
- manuelle Abstimmungen zwischen Teams
- Medienbrüche und fehlende Transparenz
- langsame Reaktionen bei Störungen oder Qualitätsproblemen
Der Ursprung liegt selten an einer einzelnen Maschine oder Software, sondern an den Brüchen zwischen IT und OT: unterschiedliche Protokolle, getrennte Datenmodelle und isolierte Systeme.
Diese Fragmentierung hat eine klare Konsequenz: Sobald neue Anforderungen entstehen, steigt der Integrationsaufwand massiv an.
Genau hier zeigt sich ein zentrales Problem vieler Smart‑Factory‑Initiativen: Die Herausforderung liegt nicht im einzelnen Use Case – sondern in der fehlenden Grundlage, auf der diese Use Cases effizient umgesetzt werden können.
Warum „Use Case zuerst“ ein riskantes Missverständnis ist
Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass viele Unternehmen zunächst konkrete Use Cases priorisieren – etwa Track & Trace, Predictive Maintenance oder KI‑gestützte Analysen.
Das ist absolut richtig – aber häufig werden diese Ziele als Einzellösungen umgesetzt. So entstehen Punkt-zu-Punkt-Integrationen, bei denen jede Verbindung, jeder Datenfluss und jede Logik individuell verdrahtet wird. Das funktioniert kurzfristig, verstärkt aber genau das Problem aus dem ersten Abschnitt: Mit jedem weiteren Use Case wächst die Komplexität statt der Skalierbarkeit.
Die zentrale Frage ist daher nicht, welcher Use Case zuerst umgesetzt wird, sondern: Auf welcher Basis sollen Use Cases langfristig aufgebaut werden?
Diese Basis besteht aus vier Elementen: Interoperabilität, Events, Kontext und Governance. Sie schaffen die Voraussetzung dafür, dass Use Cases nicht isoliert entstehen, sondern aufeinander aufbauen.
Interoperabilität als Schlüssel, um die Smart Factory zu skalieren
An dieser Stelle wird deutlich, warum Interoperabilität eine Schlüsselrolle einnimmt. Denn die zuvor beschriebene Basis entsteht nur, wenn Daten systemübergreifend verständlich und nutzbar sind. Interoperabilität bedeutet daher nicht nur Datenaustausch, sondern die Fähigkeit, Signale und Zustände so aufzubereiten, dass sie prozessfähig werden.
Erst dadurch lassen sich Events eindeutig zuordnen und in einen Kontext setzen – also genau die Grundlage schaffen, die als Voraussetzung für skalierbare Use Cases beschrieben wurde. Der zentrale Effekt: Interoperabilität ersetzt individuelle Verdrahtung durch wiederverwendbare Event‑to‑Process‑Logik.
Neue Use Cases basieren damit auf einer konsistenten Basis, statt jedes Mal neu entwickelt zu werden.
Best‑of‑Breed statt Lock‑in – mit ERP/MES als integrierbare Zielsysteme
Auf dieser interoperablen Basis stellt sich im nächsten Schritt die Frage, wie unterschiedliche Systeme eingebunden werden.
Unternehmen arbeiten mit heterogenen Landschaften: ERP, MES, Analytics oder Cloud‑Plattformen. Ohne gemeinsame Grundlage würde jede Integration erneut zu Punkt‑zu‑Punkt‑Verbindungen führen – genau das Szenario, das zuvor vermieden werden soll.
Deshalb ist eine anwendungsoffene Architektur entscheidend: Sie ermöglicht es, unterschiedliche Zielsysteme zu nutzen, ohne die Integration immer wieder neu aufzubauen. Hier knüpft der Best‑of‑Breed‑Ansatz an: Systeme bleiben flexibel kombinierbar, weil die zugrunde liegende Integrationslogik stabil und wiederverwendbar ist.
SAP (z. B. SAP ERP oder SAP Digital Manufacturing) kann dabei ein Zielsystem sein – ist aber nicht Voraussetzung, sondern Teil einer offenen Architektur.
ORBIS Vorgehensmodell in 5 Phasen: Reifegradbasiert zum nächsten Schritt
Wenn klar ist, dass Use‑Case‑Fähigkeit eine stabile Grundlage benötigt, stellt sich die nächste Frage: Wie baut man diese Basis konkret auf?
Hier setzt das reifegradbasierte Vorgehensmodell an. Es orientiert sich am Industrie‑4.0‑Reifegradmodell und beschreibt, wie Unternehmen schrittweise von Konnektivität zu Adaptierbarkeit gelangen.
Die fünf Phasen machen diesen Aufbau strukturiert und nachvollziehbar:
- Datenbasis & Konnektivität
- Datenintegration & Modellierung
- Erweiterte Analytik & Intelligence
- Automation & Orchestration
- Autonomes & adaptives Unternehmen
Dabei ist entscheidend: Die zuvor beschriebenen Konzepte – Interoperabilität, Events, Kontext – werden hier systematisch aufgebaut.
Nicht jedes Unternehmen startet am Anfang. Der Ansatz zielt vielmehr darauf ab, den aktuellen Stand zu bestimmen und gezielt den nächsten sinnvollen Schritt zu gehen.
Die technologische Basis: ORBIS DSP in der Smart Factory
Die zuvor beschriebenen Prinzipien – Interoperabilität, Events und Kontext – benötigen eine technologische Grundlage, auf der sie umgesetzt werden können. Genau diese Rolle übernimmt ORBIS Distributed Shopfloor Processing (DSP).
ORBIS DSP stellt die Integrations- und Verarbeitungsschicht bereit, in der Ereignisse erfasst, normalisiert, kontextualisiert und systemübergreifend verfügbar gemacht werden. Damit entsteht die Basis für eine durchgängige Event‑to‑Process‑Logik – und damit für echte Use‑Case‑Fähigkeit.
Um dieses Zusammenspiel greifbar zu machen, nutzen wir die ORBIS SmartFactory als Demonstrator. Sie zeigt live, wie ORBIS DSP Datenströme zusammenführt, Kontext herstellt und Prozesse transparenter macht.
Sichtbar werden dabei unter anderem:
- Ereignis- und Statusströme in Echtzeit
- verknüpfte Prozesszustände über Systemgrenzen hinweg
- die Verbindung zwischen physischer Produktion und digitalem Abbild
Der eigentliche Mehrwert entsteht durch ORBIS DSP als technologische Grundlage – die genau das ermöglicht, was im Vorherigen beschrieben wurde: eine interoperable Basis, auf der Use Cases skalierbar aufgebaut werden können.
Smart Factory richtig umsetzen: Vom Datenfundament zur skalierbaren Produktion im nächsten Schritt
Vor dem Hintergrund einer interoperablen Basis – wie sie durch ORBIS DSP geschaffen wird – stellt sich im nächsten Schritt die Frage, wo Ihr Unternehmen heute steht und wie sich diese Grundlage sinnvoll aufbauen lässt.
Ein Reifegrad‑Check beantwortet genau die Fragen, die sich durch den gesamten Artikel ziehen:
- Welche Daten sind vorhanden?
- Welcher Kontext fehlt?
- Welche Integrationslogik ist bereits vorhanden oder kann aufgebaut werden?
Ziel ist es, eine tragfähige Basis für weitere Use Cases zu schaffen – anstatt neue Insellösungen zu entwickeln.
Darauf aufbauend entsteht eine Roadmap mit einem Piloten, der schnell Nutzen zeigt und sich gleichzeitig sauber in eine skalierbare Architektur einfügt.
Damit schließt sich der Kreis: Von IT/OT‑Brüchen über interoperable Prinzipien und deren technologische Umsetzung (ORBIS DSP) hin zu einem konkret planbaren nächsten Schritt.
Ausblick auf den nächsten Teil: Im nächsten Beitrag zeigen wir, wie diese Grundlage konkret in einem Use Case umgesetzt wird – am Beispiel von Track & Trace und durchgängiger Werkstückverfolgung.




